Oleg Senzow als Erzähler Courage lernen

Oleg Senzow machte Filme und schrieb Bücher. Dann schickte Russland Kampfeinheiten ohne Hoheitskennzeichen und ohne Scham auf die Krim. Während Putins Ansehen in Russland ins Unermessliche stieg und seine Anhänger frohlockten: „Krym nash“, „Die Krim gehört uns“, organisierte Senzow Lebensmitteltransporte zu Einheiten der ukrainischen Armee.

Oleg Senzow

Die Krim ist Oleg Senzows Heimat

Senzow ist auf der Krim zu Hause. Dort wurde er 1976 geboren, dort ging er zur Schule und dorthin kehrte er nach seinem Studium in Kiew und Moskau zurück, wurde Mitbetreiber eines Computerklubs und Mitbegründer einer Filmproduktionsgesellschaft.

Wie nicht wenige Bürger der Ukraine, die im Winter 2013/14 tage-, nächte- und wochenlang auf dem Kiewer Maidan ausharrten oder später freiwillig in den Krieg im Donbass zogen, wollte sich Senzow seine Heimat nicht nehmen lassen. „Der Maidan war das Wichtigste, das ich in meinem Leben geleistet habe“, sagte er vor jenem russischen Gericht, das ihm im Sommer 2015 nach einjähriger Untersuchungshaft den Prozess machte und zu zwanzig Jahren Straflager verurteilte.

Oleg Senzow war monatelang im Hungerstreik

Russland wirft Senzow die Gründung einer terroristischen Vereinigung vor; die russische Menschenrechtsorganisation Memorial und Amnesty International nennen das Verfahren politisch motiviert. Zwischen der Krim, wo seine beiden Kinder bei seiner Mutter leben, und dem Straflager Nr.8 in Labytnangi  nördlich des Polarkreises, wo Senzow mit einem Hungerstreik für die Freilassung aller ukrainischen politischen Gefangenen in Russland kämpfte, liegen über 50.000 Kilometer. So viel, so wenig wissen wir über den Mann.

Nun können wir etwas über seine Kindheit erfahren. Die acht Prosatexte, die der Verlag Voland & Quist unter dem Titel „Leben“ herausgibt, sind alle vor Senzows Inhaftierung entstanden. Hintergründe seines Engagements für eine unabhängige Ukraine, Gedanken zur Situation auf der Krim, Reflexionen über das ukrainisch-russische Verhältnis nach dem Zerfall der Sowjetunion sucht man hier vergeblich. In sieben kurzen Geschichten und einer vier Seiten umfassenden „literarischen Autobiographie“ erzählt Senzow vom Dorfleben, von seinem Hund, seinen Freunden, von einem Krankenhausaufenthalt, von der Schule und seiner Oma.

Geschichten aus einem traurigen Alltag

Es sind, auf den ersten Blick, sehr schlichte Geschichten: „Alle finden, die Kindheit sei die glücklichste Zeit im Leben. Stimmt. Und die hellste, würde ich hinzufügen.“ Eine Bemerkung hier und da lässt aufhorchen. Der Vater kommt von der Arbeit: „Nüchtern. Pures Glück.“ „Meine Mutter schlägt mit einem Gummischlauch auf meine nackten Beine ein.“ Nach und nach werden hinter den omnipräsenten, vielleicht ironisch gemeinten Platitüden – „Es gibt keine bösen Menschen, sagt man, nur böse Taten. Das stimmt. Jeder Mensch hat etwas Gutes in sich.“ – tiefe, schmerzhafte Brüche sichtbar. Senzow litt als Kind offenbar unter Rheuma, in der Schule wurde er als Klassenbester von den Mitschülern verdroschen.

Doch im Rückblick beschäftigen ihn viel mehr Situationen des Unrechts, in denen er selbst blind war oder zu feige, einzugreifen. Im Krankenhaus sah er zu, wie ein Bettnachbar einem behinderten Jungen übel mitspielte. Der geliebte Hund wurde lästig, als Senzow älter wurde. Die Oma starb vergessen im Altersheim. Der Nachbarsjunge, „bester Freund meiner Kindheit“,  wurde Trinker, fror sich zuerst die Beine ab und erfror irgendwann endgültig.

Es sind Geschichten verpasster Gelegenheiten, für andere da zu sein, und sei es für den eigenen Hund. Geschichten über den Wunsch, im richtigen Moment das Richtige zu tun, Courage zu zeigen. Ob Senzow den schlichten Ton bewusst gewählt hat, einen Plauderton wie über den Gartenzaun, der so viel verrät wie er verbirgt, ist nebensächlich: Der Autor zeigt sich in jeder Zeile als einer von vielen, aus kleinen Verhältnissen, mit hellen und dunklen Tagen in einer Gegend, in der Suff und Schläge zum Alltag gehören wie lästige Fliegen. Wie überlebt sein Sinn für Courage das Straflager im polaren Ural? Man kann ihm nur wünschen, dass er ungebrochen bleibt. Und dass Senzow seine Familie bald wiedersehen kann, in Freiheit.

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