Lugansker Heimatkunde

Der von Russland angezettelte und alimentierte Krieg in der Ostukraine hat tausende Todesopfer gefordert, fast zwei Millionen Menschen vertrieben und Freunde, Verwandte, langjährige Kollegen voneinander getrennt. Im Gebiet von Lugansk, wo prorussische Rebellen die kleinere und im Vergleich zur Donezk militärisch ruhigere Volksrepublik errichteten, hat sich im freien Teil die beschauliche Industriesiedlung Sewerodonezk als neue Hauptstadt etabliert, wo der Gouverneur sitzt, wo Teile der Universität, des Theaters und der Philharmonie von Lugansk einen neuen Ankerplatz fanden und wo das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen Quartier bezogen hat.

Im sachlichen Hochschulgebäude, wo auch die Lugansker Universität untergebracht ist, empfängt uns der Dekan des Lehrstuhls für Wirtschaft und Verwaltung, Ruslan Galasch, mit einem seiner Studenten, Wladislaw Konew.

Die Familie des 25 Jahre alten Wladislaw Konew wohnt weiter in Lugansk. Wie so viele war seine Mutter mit ihm vor den Rebellen nach Kiew geflohen, nach einem Jahr aber zurückgekehrt, weil sie es nicht einmal einfachste Arbeit finden konnte. Ein Jahr habe er dort den Gemüsegarten bestellt, berichtet Konew, aber nebenher gelernt und schließlich nicht nur einen Studienplatz in Sewerodonezk, sondern auch ein Stipendium bekommen. Das beträgt umgerechnet vierzig Euro monatlich, dazu kommen zwölf Euro staatliche Hilfe für Binnenflüchtlinge, womit er, da schon sein Zimmer zwanzig Euro kostet, kaum über die Runden kommt.

Wir fragen nach dem Leben in Lugansk. Die Männer bestätigen, dass der Lehrbetrieb auf russische Standards umgestellt worden sei, Ukrainisch sei Wahlfach, Lugansker Heimatkunde gebe es nicht mehr. Die fähigsten Leute seien weg, es mangele an Lehrern, was bei Gehältern von umgerechnet fünfzig Euro kaum verwundert. Da die Musiker der angesehenen Lugansker Philharmonie ähnlich wenig verdienen, stehe das Orchester kurz vor der Auflösung, obwohl der Publikumsandrang groß sei. Die Freischärler bedienten die Kulturbedürfnisse der Menschen mit Massenfesten, bei denen russische Popsänger auftreten. Oft würden Kundgebungen veranstaltet, bei denen die Teilnahme von Staatsangestellten Pflicht sei. Manche Frauen seien in russisch-orthodoxe Frömmelei abgeglitten. Die Rebellen registrierten Kontakte mit dem „Feind“ genau; Staatsangestellte aus Lugansk, die in einem ukrainischen Hotel einchecken, müssten darauf gefasst sein, nach der Rückkehr eingesperrt oder verprügelt zu werden.

Freundschaften zwischen Lugansk und Sewerodonezk aufrecht zu erhalten, erfordert einige Anstrengungen. In der „Volksrepublik“ sind ukrainische Internetseiten gesperrt, in der Ukraine russische, außerdem die russischen sozialen Netzwerke. Am Telefon und über Facebook rede man nur übers Wetter und die Familie, erfährt man von den dreien. Besonders frustrierend finden sie es, dass insbesondere westukrainische Politiker die in Lugansk gebliebenen oder dorthin zurückgekehrten Landsleute als „Verräter“ betrachten. Der Vater ihres geflohenen Gastgebers, ein pensionierter Lugansker Musiklehrer, müsse alle sechs Wochen die beschwerliche Reise über die Grenze machen, zahllose Dokumente und Fotos vorlegen, um seine ukrainische Rente von 75 Euro zu bekommen.

Bei dem Konflikt geht es nur um Wirtschaftsfragen

Die Männer sind überzeugt, dass der russisch-ukrainische Konflikt ein ökonomischer sei, bei dem die Oligarchen ihre Interessen in Russland beziehungsweise Europa oder Amerika verfolgten, während mit den Zivilisten gespielt werde wie mit Schachfiguren. In Lugansk seien die Firmen in den gleichen Händen geblieben, versichert Alexander, es gebe nur neue Verwalter.

 

Außerdem werde Lugansker Rentnern geholfen, ihre ukrainischen Rechte wahrzunehmen. Am Grenzübergang von Staniza Luganskaja erklärten auf ukrainischer Seite UN-Mitarbeiter den alten Leuten in der Schlange, welche Papiere sie bräuchten und wie sie verlorene Dokumente wiederherstellen können. Sogar die Heimatkunde wird mit modernen Mitteln neu belebt, als Marke der Region Lugansk, die auch den besetzten Teil mit einschließt. Korenew präsentiert einen prächtigen Kalender und einen virtuellen Guckkasten mit wundervollen Fotos von Wyschiwanka-Trachten beziehungsweise von Sehenswürdigkeiten aus allen Teilen des Lugansker Gebiets.

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