Ein Tölpel-Faktor namens Tschepiga

Bis vor kurzem waren die Russen überzeugt, sie hätten die besten Geheimagenten der Welt. Jetzt aber stolpern ihre Spione von einer Panne in die andere.

Russlands Geheimdienste wollen nicht aufhören, sich zu blamieren. „Den Jungs vom GRU fehlten nur noch Fellmützen, Papirosy-Zigaretten und Fallschirme auf dem Rücken“, spottet Radio Echo Moskwy über die vier Cyber-Spione des Militärgeheimdienstes GRU, die im April in Den Haag aufflogen. Das niederländische Verteidigungsministerium veröffentlichte vergangene Woche Details der Operation, die für den GRU extrem peinlich sind. Schon vergleicht das vaterländische Internet die Dämlichkeit der eigenen Agenten mit Kino-Witzfiguren wie Mister Bean. Die vier mutmaßlichen GRU-Männer waren in April in einem Mietwagen festgenommen worden, den sie vor dem Hauptquartier der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) geparkt hatten, mit Abhörtechnik und einem Notebook an Bord, ganz offenbar, um den OPCW-Server zu attackieren. Und jetzt kursieren auch im russischen Internet Fotos eines Taxibelegs, der bei einem der Männer gefunden wurden: über eine Fahrt von der Moskauer Neswischski-Gasse zum Flughafen Scheremetjowo. In der Gasse befindet sich nach Angaben der Niederländer und russischer Medien ein GRU-Stab.

Namen, Passdaten, Handynummern

Schlimmer noch, die britische Rechercheplattform Bellingcat ermittelte in einer Datenbank der russischen Verkehrspolizei die Adresse, auf die 2011 der PKW eines der ertappten GRU-Hacker namens Alexei Moronez angemeldet worden war: ein GRU-Gebäude am Moskauer Komsomolski Prospekt. Insgesamt entdeckten die Journalisten unter diese Adresse die Namen, Passdaten und Handynummern von 305 Fahrzeughaltern, also von 305 mutmaßlichen GRU-Mitarbeitern. „Misst man die Tölpelhaftigkeit unserer Agenten in Tschepigas, liegt der Tschepiga-Faktor hier mindestens bei 2“, höhnt der Blogger Sergei Medwedew über die massenhafte Entlarvung. Eine Anspielung auf den GRU-Oberst Anatoli Tschepiga alias Ruslan Boschirow. Er hat nach Angaben der britischen Behörden mit einem Komplizen unter dem Decknamen Alexander Petrow im März den Giftstoffanschlag auf den russischen Exdoppelagenten Sergei im englischen Skripal verübt. Dabei ließen sich beide vor Ort von zahlreichen Überwachungskameras ablichten, warfen das Fläschchen mit dem Kampfgiftstoff später in eine Spendentonne, und blamierten sich im September bei einem TV-Auftritt in Russland mit einander heftig widersprechenden Aussagen. Dazu stellte sich heraus, dass der Tölpel-Agent Tschepiga „Held Russlands“ ist, diese Auszeichnung verleiht eigentlich nur Wladimir Putin persönlich.

Der Mythos zerbricht

Bis vor kurzem war Russlands Öffentlichkeit überzeugt, die besten Geheimagenten der Welt zu besitzen. Leute wie Richard Sorge, der als Presse-Attaché der nazideutschen Botschaft in Japan 1941 kriegsentscheidende Nachrichten in die Heimat schickte. Auch Sorge arbeitete für den Militärgeheimdienst der Roten Armee, den Vorläufer des GRUs. Insgesamt 750 GRU-Offiziere wurden bis 2017 als „Helden der Sowjetunion“ oder „Helden Russlands“ geehrt, die höchste vaterländischen Auszeichnung. „Jetzt zerbricht der Mythos von den Supermännern, die Wunder wirken können, und deshalb nicht erwischt werden“, sagt Oleksi Melnyk, Sicherheitsexperte des Kiewer Rasumkow-Zentrums. In Putins Russland geriet der GRU nach Ansicht vieler Experten in einen heftigen Konkurrenzkampf um die Gunst des neuen Kremlchefs. Zum einen mit dem Inlandsgeheimdienst FSB, zum anderen mit dem Auslandsaufklärungsdienst WSR. In den vergangenen vier kriegerischen Jahren haben die GRU-Militärs, die außer über eine Elite von Geheimagenten noch über 6000 bis 15.000 Mann Spezialstreitkräfte verfügen, dabei viel Boden gut gemacht. Ihre Agenten und Spezialeinheiten mischten bei der Besetzung der Krim 2104 erfolgreich mit, später bei den Kämpfen gegen die ukrainische Armee im Donbass. Auch Oberst Tschepiga soll sich dort seinen „Helden Russlands“ verdient haben. Und wohl auch den Aufstieg in die Reihen der GRU-Auslandsagenten. Deren listenreiches Handwerk aber war den Berufsmilitärs scheinbar zu kompliziert. „Die Jungs sind losgefahren und haben einen Befehl ausgeführt. Ohne jeden Begriff, dass man Überwachungskameras meidet, und dass man sich und seine Personalien tarnt“, kommentiert der Moskauer Oppositionelle Gennadi Gudkow, ein früherer FSB-Beamter. Der Ukrainer Melnyk glaubt, die russischen Geheimdienstler hätten sich an ihren Erfolgen berauscht. „Und alle, von den GRU-Offizieren bis Putin persönlich, sind es seit Jahren gewöhnt, dass sie ungestraft davon kommen, weil der Westen beide Augen zudrückt.“ Wladimir Putin schlug unlängst auf einem Energieforum in Moskau dem internationalen Publikum vor, den Fall Skripal möglichst schnell zu vergessen: „Wenn bei Ihnen ein Mensch sein Vaterland verrät, wie finden Sie das denn?“, äußerte er sich zu Skripal. „Er ist einfach nur ein Stück Dreck.“ Klingt nicht so, als ob Präsident Putin irgend etwas bereute.

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